Behandlung in der Notaufnahme: Nur zwei Minuten pro Patient werden bezahlt

Immer mehr Patienten suchen nachts und am Wochenende die Notfallambulanz in einem Krankenhaus auf. Nicht alle sind Notfälle und könnten auch beim Hausarzt behandelt werden. Das muss jedoch sorgfältig abgeklärt werden. Für diese Untersuchungen können die Notfallambulanzen deutscher Kliniken seit April 2017 eine Abklärungspauschale abrechnen. Umgerechnet in Arbeitszeit pro Patient sind das gerade mal zwei Minuten!

 Für jeden Patienten, den die Notfallambulanzen tagsüber an einen niedergelassenen Arzt verweisen, bekommen die Kliniken ein Honorar von 4,74 Euro. Nachts und am Wochenende beträgt die Pauschale 8,42 Euro. „Diese Beträge bildeten den Aufwand für die Kliniken jedoch nicht im Geringsten ab“, erklärt Professor Dr. med. Reimer Riessen, Präsident der DGIIN. Die Pauschalen vergüten für jeden aufgenommenen Patienten nämlich nur zwei Minuten. In dieser Zeit muss eine Pflegekraft den Patienten administrativ aufnehmen, eine kurze Anamnese erheben, Vitalparameter messen (Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Temperatur), die Befunde dokumentieren und den Patienten einem Arzt vorstellen, der dann – eventuell nach einer körperlichen Untersuchung – die endgültige Entscheidung über die ambulante oder stationäre Weiterbehandlung zu treffen hat. Dabei nähme die Zahl der Patienten in den Notaufnahmen kontinuierlich zu, so die Fachgesellschaft. Darunter gäbe es einen wachsenden Anteil von älteren Patienten, die an mehreren komplexen Erkrankungen leiden, die bei der Abklärung mehr Zeit in Anspruch nehmen.

„Die Versorgung außerhalb der Regelzeiten der kassenärztlichen Praxen wird mittlerweile zunehmend und eher unfreiwillig durch die Notfallambulanzen der Kliniken wahrgenommen“, sagt Janssens. Die Kliniken stießen damit aufgrund der erheblich wachsenden Patientenzahlen an ihre Belastungsgrenzen. Zusätzlich suchen auch immer mehr Patienten mit eher banalen Erkrankungen die Notaufnahme auf. „Die Entscheidung, ob ein Patient eine stationäre Behandlung benötigt, ist aber komplex und kann nicht innerhalb von zwei Minuten getroffen werden,“ sagt der DGIIN-Experte. Grundsätzlich müssen für die Notfallversorgung an der Schnittstelle vom ambulanten zum stationären Versorgungsbereich neue innovative Finanzierungsmodelle entwickelt werden, die den tatsächlichen Aufwand angemessen abbilden, fordert die DGIIN.

Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) vom 30. Jini 2017

Übergewicht und Adipositas: noch gefährlicher als angenommen

Ein hoher Body-Mass-Index (BMI) ist noch gefährlicher als bisher angenommen: Das Risiko, an Herzkreislauf-Leiden zu erkranken, steigt mit zunehmendem Gewicht. Bei übergewichtigen Menschen ist es im Vergleich zu Menschen mit einem normalen BMI doppelt so hoch, bei schwer übergewichtigen Menschen sogar mehr als zehnfach höher als bei Normalgewichtigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine groß angelegte Studie aus Europa und den USA, die jetzt aktuell im Fachmagazin Lancet Public Health veröffentlicht worden ist.

„Die Untersuchung zeigt, wie wichtig weltweit die Bekämpfung von Übergewicht ist und unterstreicht umso mehr die Forderungen nach einer wirkungsvollen bevölkerungsweiten Prävention“, betont Dr. Dietrich Garlichs, Sprecher der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK). „Unser Gesundheitswesen allein konnte der Herausforderung Adipositas bisher nicht erfolgreich begegnen“, ergänzt Professor Dr. med. Manfred James Müller, Vorstandssprecher des Kompetenznetzes Adipositas und Vertreter der Deutschen Adipositas-Gesellschaft.

In der Studie des Departments of Epidemiology and Public Health am University College London haben Wissenschaftler über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren die Daten von 120 813 Männern und Frauen ausgewertet. Im Verlauf der Untersuchung wurde deutlich, dass schon bei einer Adipositas Grad eins das Risiko für das Auftreten eines Typ-2-Diabetes, einer koronaren Herzerkrankung sowie eines Schlaganfalls deutlich steigt. Bei übergewichtigen Personen war es doppelt so hoch, bei Patienten mit einer Adipositas Grad eins bereits fünfmal höher und bei Auftreten einer schweren Adipositas des zweiten und dritten Grades sogar um das 15-fache gestiegen. Von „Übergewicht“ sprechen die Ärzte bei einem BMI zwischen 25 und unter 30 kg/m2. Ist der Wert über 30 sprechen sie von einer „Adipositas“. Diese wird noch einmal in verschiedene Schweregrade eingeteilt: Bei einem BMI zwischen 30 und 35 liegt eine Adipositas Grad eins vor, zwischen BMI 35 und 40 handelt es sich um eine schwere Adipositas zweiten Grades. Ist der BMI über 40, liegt eine besonders schwere Adipositas dritten Grades vor.

„Die Ergebnisse der Studie betonen die medizinische Notwendigkeit, Patienten mit Übergewicht und Gefäßerkrankungen frühzeitig auf Diabetes zu untersuchen und die Aufmerksamkeit ebenso auf die Prävention von Gefäßerkrankungen bei übergewichtigen Personen mit Diabetes zu lenken“, sagt Müller.

Weltweit hat sich seit 1980 die Rate der Adipositas in mehr als 70 Ländern verdoppelt. So waren laut einer Studie, die aktuell im New England Journal of Medicine vorgestellt wurde, im Jahr 2015 insgesamt 107,7 Millionen Kinder und 603,7 Millionen Erwachsene adipös. Global sind etwa vier Millionen Todesfälle auf die Ursache Übergewicht zurückzuführen – rund 70 Prozent der Todesfälle, die mit einem hohen Body-Mass-Index zusammenhingen, gingen auf das Konto von Herzkreislauf-Erkrankungen. „Diese dramatische Entwicklung zeigt die Dringlichkeit, mit Hilfe einer bevölkerungsweiten, präventiven Gesundheitsförderung und Regulierung, Lebensstile positiv zu beeinflussen und die Zunahme dieser Erkrankungen zu stoppen“, so Müller.

 

Die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) empfiehlt vor diesem Hintergrund in Anlehnung an Empfehlungen der Vereinten Nationen und der WHO vier wesentliche Maßnahmen für eine wirkungsvolle Prävention von Übergewicht und Adipositas in Deutschland:

  • Steuersenkung für gesunde Lebensmittel mit geringer Energiedichte und geringem Gehalt an Zucker, Fetten oder Salz;
  • Steuererhöhung für energiedichte Lebensmittel mit hohem, über den Empfehlungen liegendem Gehalt an Zucker, Fetten oder Salz;
  • ein Verbot für die Werbung ungesunder Lebensmittel und Getränke an Kinder (zumindest insoweit als diese die Nährwertprofile der WHO nicht erfüllen);
  • eine verpflichtende Kennzeichnung aller Lebensmittel durch ein für alle Bevölkerungsgruppen leicht verständliches, den Gehalt an Zucker, Fett, Salz und Energie klar kennzeichnendes
  • (Ampel-)System.

 

Quellen:

Lancet Public Health 2017; 2: e277–85:Overweight, obesity, and risk of cardiometabolic multimorbidity: pooled analysis of individual-level data for 120 813 adults from 16 cohort studies from the USA and Europe: http://www.thelancet.com/journals/lanpub/article/PIIS2468-2667(17)30074-9/fulltext

The new england journal of medicine: June 12, 2017-DOI: 10.1056/NEJMoa1614362 Health Effects of Overweight and Obesity in 195 Countries over 25 Years:
http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1614362#t=article

DANK-Strategiepapier: http://www.dank-allianz.de/files/content/dokumente/150612_DANK-Strategiepapier.pdf

DANK-Grundsatzpapier: http://www.dank-allianz.de/files/content/dokumente/DANK-Grundsatzpapier_ES.pdf

Sehen im Alter: Sonnenbrille, Sehtest und frühzeitige Therapie

Starker Sehverlust im Alter ist oft vermeidbar. Dazu gehörten etwa das Tragen einer Sonnenbrille von Kindesbeinen an, Nikotinabstinenz und eine gesunde Lebensführung mit vitaminreicher Ernährung. Ab dem vierten Lebensjahrzehnt ist es ratsam, seine Augen regelmäßig vom Augenarzt kontrollieren zu lassen.

Rechtzeitig erkannt und behandelt, stehen heute für die meisten der „klassischen“ altersbedingten Augenkrankheiten wirksame Therapien zur Verfügung. Doch obwohl Früherkennung möglich ist und zielgerichtete Behandlungen verfügbar sind, kommen diese gerade bei älteren Menschen nicht systematisch und flächendeckend zum Einsatz.

Wie wichtig gutes Sehen für die Lebensqualität ist, erfahren Menschen oft erst, wenn ihr Sehvermögen nachlässt. Selbst bei Senioren, die körperlich noch völlig fit sind, kann ein Sehverlust massive Auswirkungen haben. „Dann drohen schnell ernsthafte Einschränkungen von Lebensqualität, Selbstständigkeit und allgemeiner Gesundheit, etwa durch soziale Isolation, Stürze und Knochenbrüche“, sagt DBSV-Präsidentin Renate Reymann. Daher sollten Senioren nicht erst bei plötzlich auftretenden Sehproblemen, sondern regelmäßig einen Augenarzt aufsuchen. Ist ein dauerhafter Sehverlust eingetreten, sollten sie zudem frühzeitig eine gezielte Beratung zu Hilfsmitteln und Unterstützungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen, so der DBSV.

Prävention des altersbedingten Sehverlustes könne jeder betreiben, sagt Prof. Focke Ziemssen. Dazu gehörten etwa das Tragen einer Sonnenbrille von Kindesbeinen an, Nikotinabstinenz und eine gesunde Lebensführung mit vitaminreicher Ernährung. Ab dem vierten Lebensjahrzehnt sei es ratsam, seine Augen regelmäßig vom Augenarzt kontrollieren zu lassen. „Frühe Hinweise auf eine Augenschädigung, etwa durch ein Glaukom, Makula-Degeneration, Diabetes oder Bluthochdruck, werden von Patienten selbst nämlich zunächst gar nicht wahrgenommen“, so der Augenarzt. Meist gibt es ein familiäres Risiko. „Wenn dann irreversible Schädigungen eingetreten sind, ist es zu spät.“ Viele ältere Menschen verlieren unnötigerweise ihre Sehkraft, weil es an Versorgungsstrukturen manget, meint auch Renate Reymann.

Pressekonferenz und 2. Fachtagung des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) in Bonn, 7./8. Juli 2017

 

Medikamente : Die Patienten wissen nicht, was sie nehmen sollen

Nach einem Krankenhausaufenthalt kennen die wenigsten Patienten die verordneten Arzneimittel, die sie künftig einnehmen sollen. Das birgt die Gefahr, dass sie die Medikamente nicht verschreibungsgerecht anwenden und im schlimmsten Fall unwissentlich ihre Gesundheit gefährden. Das zeigt eine Studie, die Diplom-Pharmazeutin Johanna Freyer und Dr. rer. nat. Claudia Greißing gemeinsam mit Kollegen 2016 in der „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) veröffentlicht haben.

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Stressfaktor Schlafmangel: Risiko für Bluthochdruck und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt

Schlafmangel und Schlafstörungen, über die in Deutschland viele Erwachsene klagen, können den Blutdruck erhöhen. Auf Dauer fördern sie die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck. Ärzte sollten daher bei Hypertonie immer auch das Schlafverhalten der Patienten beachten, fordert ein Experte im Vorfeld des Symposiums der Deutschen Hochdruckliga e.V. DHL® auf dem 123. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) in Mannheim.

Viele Erwachsene bekommen zu wenig Schlaf. In Deutschland liegt die Schlafdauer bei 12 Prozent der Bevölkerung bei fünf Stunden oder weniger. Ein Drittel gibt in Umfragen an, regelmäßig unter Einschlaf- oder Durchschlafstörungen zu leiden. Die Folgen sind nicht nur Erschöpfung und Müdigkeit am Tag darauf. Auch der Blutdruck steigt an. „Der Effekt zeigt sich bereits nach einer schlaflosen Nacht“, erläutert Professor Dr. med. Bernd Sanner, Ärztlicher Direktor am Agaplesion Bethesda Krankenhaus in Wuppertal und Vorstandsmitglied der deutschen Hochdruckliga. „Menschen, die regelmäßig weniger als sechs Stunden schlafen, haben ein Risiko für 60 Prozent, einen erhöhten Blutdruck zu entwickeln. Kommen gleichzeitig noch Einschlaf- oder Durchschlafstörungen hinzu, steigt das Risiko für eine Hochdruckerkrankung um das Vierfache.“

Die Gründe liegen laut Professor Sanner in einer vermehrten Aktivität des sympathischen Nervensystems, das den Menschen in einen „Kampf-oder-Flucht“-Modus schaltet. Schlafmangel ist ein möglicher Auslöser. Auch die Ausschüttung von Stresshormonen in den Nebennieren ist erhöht. Neuere Untersuchungen zeigen, so der Experte, dass Schlafmangel darüber hinaus die Entzündungsaktivität im Körper erhöht: „Dies führt dann zu einer Störung des Blutzuckerstoffwechsels und zur beschleunigten Gefäßverkalkung.“ Eine Reihe von Beobachtungsstudien hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Schlafstörungen und Schlafmangel auf diese Weise langfristig Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern. Professor Sanner erläutert: „Die Patienten haben ein erhöhtes Risiko, an einem Herzinfarkt oder chronischem Herzversagen zu erkranken und zu sterben.“

Die Auswirkungen von Schlafstörungen oder Schlafmangel auf den Blutdruck können Kardiologen heute in der Langzeit-Blutdruckmessung beobachten. Die Patienten tragen dabei über 24 Stunden ein Gerät, das regelmäßige Blutdruckmessungen durchführt. Bei gesunden Menschen kommt es in der Nacht zu einem Abfall des Blutdrucks um etwa zehn bis 20 Prozent. Bei Menschen, die zu wenig oder schlecht schlafen, ist dieses sogenannte „Dipping“ abgeschwächt oder aufgehoben. „Im Extremfall kommt es sogar zu einem nächtlichen Anstieg des Blutdrucks“, erläutert Professor Sanner. Langfristig ist dies ein tödliches Risiko. „Ein vermindertes nächtliches Dipping, das sogenannte Non-Dipping, ging in Studien ebenfalls mit einer erhöhten Sterblichkeit einher“, berichtet der Experte: „Bei einem nächtlichen Anstieg des Blutdrucks war das Sterberisiko verdoppelt.“

Schlafmittel können das Problem nach Einschätzung von Professor Sanner nicht lösen: „Die Patienten müssen zusammen mit ihren Ärzten nach den zugrundeliegenden Ursachen suchen.“ Häufig hilft nach seiner Erfahrung eine verbesserte Schlafhygiene mit regelmäßigen Schlafzeiten und der Vermeidung von extremen Belastungen sowie von Alkoholkonsum in den Abendstunden. Auch seelische Belastungen könnten für die Schlafstörungen und damit für den hohen Blutdruck verantwortlich sein. Eine weitere häufige Ursache ist die sogenannte obstruktive Schlafapnoe, die mit lautem Schnarchen und Atemaussetzern im Schlaf einhergeht. Professor Sanner erklärt: „In den häufigen Atempausen kommt es regelmäßig zu einem Anstieg des Blutdrucks, der in der Summe dann das nächtliche Dipping aufhebt.“ Patienten mit hohem Blutdruck und auffälligen Langzeit-Blutdruckwerten sollten deshalb auch im Schlaflabor untersucht werden. „Schlafmangel und mögliche zugrundeliegende Schlafstörungen sollten immer Teil der ärztlichen Anamnese bei Bluthochdruck sein“, betont Professor Sanner. „Insbesondere dann, wenn Patienten auf die Therapie nicht ansprechen oder die 24 Stunden Messung ein Non-Dipping anzeigt.“

[i]Quellen:

Javaheri S, Chest 2017; epub ahead of print: 26.1.2017

R. Schlack, et al. Häufigkeit und Verteilung von Schlafproblemen und Insomnie in der deutschen Erwachsenenbevölkerung. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsbl 2013; 56: 740-748

http://edoc.rki.de/oa/articles/reBzVQoqMrrSI/PDF/280M9cgqeFQY.pdf[/i]

Wie ein Ebola-Impfstoffkandidat unser Abwehrsystem ankurbelt

Bereits 2016 konnte die klinische Phase-I-Prüfung eines potenziellen Impfstoffs gegen das gefürchtete Ebola-Virus erfolgreich abgeschlossen werden. Die getestete Vakzine „rVSV-ZEBOV“ hat sich darin als sicherer und wirksamer Impfstoff erwiesen. Nun haben DZIF-Wissenschaftler am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) erstmals in einer weiteren Studie zeigen können, wie unser Immunsystem im Einzelnen auf den Impfstoff reagiert. Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem zugelassenen Impfstoff.

“Neben der Bildung von Antikörpern entwickeln sich nach einer Impfung Ebola-spezifische T-Zellen. Zusätzlich wird nach dem Kontakt zu dem Ebola-Glykoprotein eine Vielzahl von Botenstoffen zur Immunabwehr ausgeschüttet“, erklärt Christine Dahlke, DZIF-Wissenschaftlerin am UKE Hamburg-Eppendorf und Erstautorin der aktuellen Studie. Die umfangreichen Daten zeigen, dass eine stärkere Immunantwort bei der höchsten eingesetzten Dosis von 2×107 PFU (plaque forming units) induziert wird. Ein wichtiger Aspekt für den geplanten Lizenzierungs-Prozess, der in diesem Jahr über die Firma Merck abgeschlossen werden soll. Die durch die Vakzine erworbene Immunantwort kann den Menschen neben Antikörpern auch durch Ebola-spezifische T-Zellen schützen, die zum Beispiel infizierte Zellen erkennen und eliminieren. Während Antikörper-Antworten schnell über das Serum nachgewiesen werden, ist die Untersuchung von Ebola-spezifischen T-Zellen weitaus komplexer und umfangreicher.

[b]Die schnelle Entwicklung eines Impfstoffs gegen Ebola[/b]

Als die WHO die Ebola-Epidemie im August 2014 zum internationalen Gesundheitsnotfall erklärte, arbeitete das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung bereits an einem Impfstoff gegen Ebola. Die Vakzine „rVSV-ZEBOV“ wurde seit November 2014 in einer klinischen Phase-I-Prüfung in vier unabhängigen Studien getestet. Eine davon wurde am UKE in Hamburg-Eppendorf durchgeführt, geleitet von DZIF-Professorin Marylyn Addo. Sie und alle weiteren beteiligten Wissenschaftler sind Teilnehmer von VEBCON, eines von der WHO gegründeten Experten-Konsortiums, dessen Ziel die rasche und koordinierte klinische Testung der Ebola-Vakzine ist.

Rund zwei Jahre später steht der Impfstoffkandidat bereits kurz vor der Lizenzierung durch die amerikanische Behörde FDA. Doch bisher war nicht klar, welche Immunantworten zum Schutz gegen Ebola induziert werden. „Wir wussten zunächst vor allem, dass spezifische Antikörper gegen das Virus gebildet werden und dass diese auch nach sechs Monaten noch nachweisbar waren“, erklärt Marylyn Addo. Antikörper tragen wahrscheinlich maßgeblich zum Schutz bei.

Was die Wissenschaftler allerdings noch nicht wussten, war inwieweit auch der andere Arm unseres erworbenen Immunsystems – die sog. T-Zellen – beteiligt sind. Werden Ebola-spezifische T-Zellen nach einer Impfung gebildet? Und wie reagiert das Immunsystem auf Proteine des Ebola-Virus? Werden Botenstoffe aktiv? Wird das Immunsystem auch nach drei bis sechs Monaten angekurbelt, wenn es Ebola-Proteine erkennt?

[b]Aktuelle Studie[/b]

Diese Wissenslücke konnten die Forscher um Addo nun anhand der Proben, die während der klinischen Phase-I-Studie in Hamburg bei 30 gesunden Versuchsteilnehmern genommen wurden, schließen. In Hamburg wurden drei verschiedene Dosierungen von rVSV-ZEBOV getestet (zehn Probanden pro Dosis-Gruppe). Die Wissenschaftler erstellten ein sog. Immunprofil, das die erworbene Immunantwort im Detail mit Blick auf unterschiedliche Dosierungen aufzeigt.

„Versuchsteilnehmer, die den Impfstoff in der höchsten eingesetzten Dosierung erhielten, bildeten T-Zellen, die sich spezifisch gegen das Ebola-Glykoprotein richteten, das im Impfstoff verwendet wird“, erklärt Christine Dahlke. Bei einer Ebola-Infektion können diese T-Zellen eine infizierte Zelle erkennen und einen Zelltod, die sogenannte Apoptose, einleiten. Es wurde außerdem eine Kaskade von Signalmolekülen und Botenstoffen in Gang gesetzt, die Immunzellen aktivieren und somit die Virus-Vermehrung im infizierten Menschen hemmen kann. „Dieses Wissen über die genauen Abwehrprozesse bei verschiedenen Dosierungen ist sehr wichtig für die ideale Dosisfindung und wird Einfluss haben, wenn der Impfstoff zum Einsatz kommt“, erklärt Dahlke. Die Wissenschaftler sind zuversichtlich, dass ihre Untersuchungen dazu beitragen, dass die Mediziner bei einem nächsten Ausbruch eines Ebola-Virus besser gewappnet sind.

[b]Hintergrund[/b]

Bei der verwendeten Vakzine rVSV-ZEBOV handelt es sich um ein abgeschwächtes, gentechnisch verändertes Vesikuläres Stomatitis-Virus (VSV), das ein Oberflächenprotein, das Glykoprotein, des Ebola-Virus trägt. Die Entwicklung des Impfstoffkandidaten wurde von der WHO im Rahmen von VEBCON begleitet. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung hat die Vorbereitung der Studien am UKE in Hamburg und in Gabun unterstützt und eine Anschubfinanzierung zur Verfügung gestellt, das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) sowie der britische Wellcome Trust haben die Fördermittel für die Vorbereitung und Durchführung der klinischen Prüfung zur Verfügung gestellt. Der Impfstoffkandidat wurde von der kanadischen Gesundheitsbehörde an die WHO gespendet und von dieser für die Studien zur Verfügung gestellt.

[i]Publikation
Christine Dahlke et al
Dose-dependent T-cell Dynamics and Cytokine Cascade Following rVSV-ZEBOV Immunization.
EBioMedicine 5. April 2017;
http://doi.org/10.1016/j.ebiom.2017.03.045 [/i]

Cannabiskonsum und psychische Störungen

Michael Büge, psychologischer Psychotherapeut, vermittelt in diesem Buch Basiswissen. Entsprechend klar gegliedert und konzis wird das Thema Cannabis, Sucht und Wechselwirkungen mit psychischen Störungen dargestellt. Es bringt auf rund 140 Seiten die medizinischen Basics und ist erfreulich neutral und unpolitisch. 17 Merk-Punkte im Klappentext fassen den Inhalt einprägsam zusammen. Vorschläge für die psychotherapeutische Intervention können in diesem knappen Rahmen natürlich nur kurz angerissen werden, es ist eher ein Buch für den Einstieg (zum Glück mit 6 Seiten weiterführenden Literaturhinweisen) oder fürs Repetitorium.


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Sie können das Buch hier online bestellen.

Tatort Krankenhaus – wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde fördert…

Wenn nur Profit im Mittelpunkt steht, sind Klinikmitarbeiter überlastet – und manche werden deshalb zu Tätern, die ihre Patienten misshandeln oder gar töten. Soweit die steile These des Autorenteams, die hier reißerisch verpackt wird: „Gefahr für Leib und Leben erwächst aus diesem inhumanen System“.

Basis des Buch eines Professors der anthroposophischen Hochschule Witten/Herdecke und einer Redakteurin des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks ist zum einen eine Fragebogen-Umfrage unter Pflegekräften. Solche Selbstauskünfte sind methodisch (soweit es die wenigen Daten der unveröffentlichten Studie dazu aussagen) wohl eher am unteren Rand der Evidenz angesiedelt und kaum eine Basis für Hochrechnungen oder steile Schlussfolgerungen. Und das langt nicht für ein Buch mit reißerischem Titel.

Also wird, damit die dürre Pseudostudie nicht so nackt dasteht, das ganze aufgepeppt mit Systemkritik und ein paar grusligen Stories von Psychopathen, die Patienten umbrachten. Dass aber der z.B. Pfleger Nils H. eher aus Geltungsdrang Patienten in Gefahr brachte, um sie nachher retten zu können (also der Typ übereifrig löschender Feuerwehrmann-Brandstifter), wird zwar angesprochen, passt aber im Lauf des Buches nicht ins Bild. Da geht es nur gegen die „Ökonomisierung“ der Branche.

Es ist erschreckend, dass ein Hochschullehrer für Psychiatrie und Psychotherapie mit so dürren Daten solch gewagte Schlussfolgerungen zieht.

Deutschland fehlen Rheumatologen: Versorgungsdefizite gefährden Therapieerfolg bei Rheumapatienten

Deutschland benötigt rund doppelt so viele Rheumatologen wie zurzeit tätig, um die Bevölkerung ausreichend gut zu versorgen. Das zeigt das aktuelle Memorandum der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) zur Versorgung in ihrem Fachbereich. Werden Verdachtsfälle von Rheuma frühzeitig erkannt und konsequent und kontinuierlich behandelt, können diese Menschen meist ein Leben ohne wesentliche Einschränkungen in Lebensqualität und sozialer Teilhabe führen.

Bereits im Jahr 2008 hat die DGRh in einem Memorandum den Bedarf an rheumatologischer Versorgung in Deutschland definiert. Nun legt die Fachgesellschaft eine Aktualisierung vor, die aufzeigt, dass sich die Versorgungsmöglichkeiten kaum verbessert haben. Deutschland braucht allein in der ambulanten Versorgung fast 600 zusätzliche internistische Rheumatologen. „Das ist eine untragbare Situation für die Patienten, die ein Anrecht auf eine regelmäßige Versorgung haben“, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e.V., Professor Dr. med. Hanns-Martin Lorenz. Dem Anspruch könnten Mediziner in der Realität derzeit nur eingeschränkt gerecht werden. Und auch in der stationären und rehabilitativen Versorgung sei der Bedarf bei weitem nicht gedeckt: In der akutstationären Versorgung fehlen bis zu 400 Rheumatologen, in der rehabilitativen Versorgung rund 80.

Die Therapie hat sich in den letzten Jahren stark verbessert: „Durch neue Optionen in der Rheumabehandlung haben Menschen mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung mittlerweile gute Chancen, ein weitgehend normales Leben zu führen – ohne wesentliche Einschränkungen in Lebensqualität und sozialer Teilhabe“, sagt Professor Lorenz, der Leiter der Sektion Rheumatologie am Universitätsklinikum Heidelberg und medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des Acura-Rheumazentrums in Baden-Baden ist. Die Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass diese Erkrankungen frühzeitig erkannt und entsprechend behandelt werden. Die späte Diagnose kostet Zeit und erschwert die Therapie, weil bereits entzündlich-rheumatische Vorgänge im gesamten Körper, an Gelenken und inneren Organen Schaden verursachen können.

„Entscheidend für den Therapieerfolg ist, dass die an der Diagnose und Behandlung beteiligten Ärzte gut vernetzt und in enger Abstimmung arbeiten“, erklärt Professor Dr. rer. pol. Angela Zink, Leiterin des Programmbereichs Epidemiologie und Klinik mit dem Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie an der Charité Berlin, Mitverfasserin des Memorandums. So sollen Verdachtsfälle frühzeitig erkannt, Neuerkrankte innerhalb von drei Monaten fachärztlich versorgt und Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen kontinuierlich und zielorientiert behandelt werden. Eine entscheidende Rolle spielen hierbei auch Patientenschulungen. Nur so könne der Arzt gemeinsam mit dem Patienten partizipativ Entscheidungen treffen und die Therapieziele langfristig erreichen, so Zink weiter. Gerade Fächer wie die Rheumatologie bedürften der intensiven persönlichen Zuwendung zum Patienten, die derzeit nur eingeschränkt leistbar wäre.

[i]Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh)[/i]

Darmkrebsvorsorge mit verbessertem Test: Künftig suchen Antikörper nach verstecktem Blut im Stuhl

Seit dem 1. April 2017 erstatten die Krankenkassen einen neuen Test zur Früherkennung von Darmkrebs. Der bisherige Guajak-Test, der verstecktes Blut im Stuhl anzeigt, wird durch einen immunologischen Stuhltest ersetzt – den immunologischen fäkalen Okkultbluttest iFOBT. Dieser beruht auf einer Antikörper-Reaktion mit dem menschlichen Blutfarbstoff Hämoglobin und hat sich in Studien als noch zuverlässiger erwiesen als der Guajak-Test. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) rät Menschen ab 50 Jahren regelmäßig zur Darmkrebsvorsorge zu gehen. Der iFOBT sollte ab dem Alter von 50 Jahren einmal jährlich durchgeführt werden. Spätestens ab 55 Jahren ist alle zehn Jahre eine Darmspiegelung empfohlen.

Dickdarmkrebs entwickelt sich in der Regel über viele Jahre hinweg aus harmlosen Vorstufen, den Darmpolypen oder Adenomen. Diese Wucherungen sind zwar meist zunächst gutartig, neigen aber eher zum Bluten als gesunde Darmschleimhaut. „Diese Tatsache machen sich die Stuhltests zunutze“, erläutert Professor Dr. med. Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Ulm. Die Tests können winzige, für das Auge nicht sichtbare Blutmengen im Stuhl nachweisen. Während der Guajak-Test auf einer biochemischen Reaktion mit dem roten Blutfarbstoff Hämoglobin beruht, weisen die neuen Tests das Hämoglobin mithilfe einer Antikörper-Reaktion nach. „Weil die Antikörper nur auf menschliches Hämoglobin reagieren, ist der iFOBT deutlich weniger störanfällig als der Guajak-Test“, sagt Seufferlein. Dieser reagiere zuweilen auch auf Blut aus der Nahrung, wenn etwa rotes Fleisch verzehrt worden sei. Die immunologischen Stuhltests, die jetzt in das Screening-Programm aufgenommen werden, haben in umfangreichen Studien bewiesen, dass sie Blutspuren im Stuhl rund zwei bis drei Mal häufiger erkennen als der bisherige Guajak-Test. Im vergangenen Jahr hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) daher beschlossen, den neuen Test in die Krebsfrüherkennungs-Richtlinie aufzunehmen. Ab April 2017 sind die Tests für Versicherte ab 50 Jahren Kassenleistung.

Beim Ablauf des Screenings ergeben sich einige Änderungen: Zwar gibt der Arzt weiterhin den Test an den Patienten aus und erklärt die Durchführung. Die Auswertung wird künftig jedoch nicht mehr in den Arztpraxen, sondern in Speziallaboren stattfinden. Wie bisher wird der Patient nur bei einem positiven Befund kontaktiert. „Eine zentrale Evaluierung der Ergebnisse wie bei der Vorsorgekoloskopie – also eine zentrale Auswertung im Hinblick auf Qualität und Nutzen – ist für den iFOBT seitens des G-BA bislang noch nicht geplant“, sagt Professor Dr. med. Wolff Schmiegel, Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Knappschaftskrankenhaus Bochum. „Die DGVS empfiehlt unbedingt, dies nachzuholen: Im Sinne der Qualitätssicherung sollte eine zentrale Evaluierung der Ergebnisse erfolgen.“

An den Empfehlungen, wer am Screening teilnehmen sollte, wird der neue Test nichts ändern: „Frauen und Männern ab 50 Jahren sollten den Test einmal jährlich durchführen, die Kosten dafür übernimmt die Krankenkasse“, so Professor Schmiegel. Fällt dieser positiv aus, so muss zur Absicherung des Ergebnisses eine Darmspiegelung erfolgen. Spätestens ab dem 55. Lebensjahr ist die Darmspiegelung im Rahmen der Krebsfrüherkennungs-Richtlinie ohnehin empfohlen. Bei einer Darmspiegelung können Veränderungen der Darmschleimhaut wesentlich präziser erkannt werden als mit dem Stuhltest. Die Koloskopie muss – anders als der Stuhltest – im Falle eines unauffälligen Ergebnisses nur alle zehn Jahre wiederholt werden. Sie ist nicht nur ein diagnostisches, sondern zugleich ein therapeutisches Verfahren: Auffällige Veränderungen, also Darmpolypen aus denen Krebs entstehen könnte, entfernt der Arzt in der Regel bereits im Rahmen der Untersuchung.