Medikamente : Die Patienten wissen nicht, was sie nehmen sollen

Nach einem Krankenhausaufenthalt kennen die wenigsten Patienten die verordneten Arzneimittel, die sie künftig einnehmen sollen. Das birgt die Gefahr, dass sie die Medikamente nicht verschreibungsgerecht anwenden und im schlimmsten Fall unwissentlich ihre Gesundheit gefährden. Das zeigt eine Studie, die Diplom-Pharmazeutin Johanna Freyer und Dr. rer. nat. Claudia Greißing gemeinsam mit Kollegen 2016 in der „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) veröffentlicht haben.

Im Rahmen ihrer Studie befragten die Autoren 179 Patienten vor ihrer Entlassung aus einem Akutkrankenhaus in Konstanz und einem geriatrischen Rehabilitationskrankenhaus in Zwenkau bei Leipzig hinsichtlich ihrer Entlassmedikation und kamen zu folgenden Ergebnissen: Etwas weniger als die Hälfte der Befragten, 48 Prozent, waren in der Lage, ihre Entlassmedikamente zutreffend zu benennen. Von im Entlassbrief neu empfohlenen Arzneimitteln zur ambulanten Weiterbehandlung wurden nur elf Prozent zutreffend benannt. Darunter waren auch Medikamente, die ein hohes Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen bergen. In Bezug auf neu empfohlene Arzneimittel im Entlassbrief konnte in nur acht Prozent der Anwendungsgrund und in sechs Prozent der Fälle die Wirkstärke zutreffend benannt werden.

„Unsere Befragung zeigt, dass die Patienten bei ihrer Entlassung ungenügend über ihre Entlassungsmedikation informiert sind“, erklären die Preisträgerinnen. „Insbesondere ältere Patienten wiesen häufig Wissensdefizite auf. Aber auch die Länge des Krankenhausaufenthalts sowie die Behandlung in einer Rehabilitationsklinik hatten negative Auswirkung auf die Arzneimittelkenntnis“, so die Autorinnen weiter. Umgekehrt zeigte sich, dass Patienten, die auf einen Medikationsplan zurückgreifen konnten, die verordneten Medikamente häufiger richtig benennen konnten. Jedoch stand nur 40 Prozent der Studienteilnehmer eine solche Übersicht während der Befragung zur Verfügung.

Die Ergebnisse zeigen, dass ein Medikationsplan ein wirksames Instrument ist, das allerdings nicht bei allen Patienten in der Routineversorgung verfügbar ist. Das müsste sich nach Aussage der Autoren dringend ändern: „Die Aushändigung eines vollständigen, aktualisierten Medikationsplans bei Entlassung ist eine wichtige qualitätssichernde Maßnahme, um die Patientensicherheit an Behandlungsübergängen sicherzustellen“, betonen die Erstautorinnen Freyer und Greißing, die beide am Zentrum für Arzneimittelsicherheit der Universität Leipzig sowie am Klinikum Konstanz und am Universitätsklinikum Leipzig tätig sind. Insbesondere Patienten, die nach ihrer Entlassung neue oder besonders risikoreiche Arzneimittel einnehmen sollen, sollten besonders intensiv beraten werden.

[i]Für den Beitrag „Entlassungsmedikation – Was weiß der Patient bei seiner Entlassung?“ erhalten die Wissenschaftlerinnen der Universität Leipzig und ihre Koautoren den diesjährigen DMW Walter Siegenthaler Preis.Die Jury des DMW Walter Siegenthaler Preises lobt die Studie als einen sehr wichtigen Beitrag zum Thema Arzneimittelsicherheit. „Die Schnittstelle Stationär zu Ambulant ist in unserem Gesundheitssystem in mehrfacher Hinsicht ein kritischer Punkt. Hier bedarf es einer optimalen Kommunikation und Information aller Beteiligten, wie der ausgezeichnete Beitrag eindrücklich unter Beweis stellt“, betont Professor Dr. med. Martin Middeke, Vorsitzender der Jury und Schriftleiter der DMW.

Quelle
J. Freyer, C. Greißing, P. Buchal, HJ. Kabitz, L. Kasprick, M. Schuchmann, R. Sultzer, S. Schiek, T. Bertsche: Entlassungsmedikation – Was weiß der Patient bei Entlassung über seine Arzneimittel? Dtsch Med Wochenschr 2016; 141(15): e150–e156[/i]

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