Monoklonale Antikörper gegen Kopfschmerzattacken: Hoffnung oder Hype?

 

 Migräneattacken verhindern – das ist eines der therapeutischen Ziele, um das Leid der etwa 18 Millionen Migränepatienten in Deutschland zu lindern. Alternativ zur gut erforschten und wirksamen medikamentösen Vorbeugung mit Tabletten können Ärzte nun neue Wirkstoffe, sogenannte monoklonale Antikörper, einsetzen.

Experten schätzen die Zahl der Menschen in Deutschland, die an Migräne leiden, auf etwa 18 Millionen. Neben Schmerzen beeinträchtigen die Begleitsymptome wie beispielsweise Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit die Lebensqualität der Patienten erheblich. Auch ihre Arbeitsfähigkeit wird dadurch eingeschränkt. „Deshalb wächst neben Mitteln gegen akute Attacken die Bedeutung von Arzneien, die Migräneattacken vorbeugen“, sagt Professor Dr. med. Till Sprenger, Tagungspräsident des Deutschen Schmerzkongresses und Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Neurologie der DKD Helios Klinik Wiesbaden.

Seit Kurzem sind in Deutschland drei Substanzen zugelassen, die Ärzte zur Prophylaxe von Migräneattacken bei therapierefraktären Patienten, das heißt, bei denjenigen, die nicht auf andere Therapien ansprechen, einsetzen können. „Die monoklonalen Antikörper blockieren ein Neuropeptid beziehungsweise dessen Rezeptor, von dem wir schon längere Zeit wissen, dass es sich um einen wichtigen Botenstoff bei der Entstehung von Migräneattacken handelt“, erklärt Sprenger.

Dieses sogenannte Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) wird aus Nervenzellen freigesetzt, überträgt Schmerzsignale und erweitert die Blutgefäße. Die monoklonalen Antikörper zirkulieren als immunologisch aktive Eiweiße im Körper und erkennen eine bestimmte Oberflächenstruktur des Botenstoffs CGRP beziehungsweise des CGRP-Rezeptors, binden daran und blockieren somit die Weiterleitung des Migränesignals.

Wie effektvoll die neuen Medikamente (die Wirkstoffe Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab) sind, zeigten verschiedene Studien. Durchschnittlich reduzierte sich etwa bei jedem zweiten Patienten die Häufigkeit der Attacken um 50 Prozent. „Wir wissen derzeit noch nicht, warum nur ein Teil der Patienten auf die Therapie anspricht“, gibt Sprenger zu bedenken. In Zukunft könnten eventuell Biomarker helfen, vor Beginn einer Therapie diejenigen Patienten zu identifizieren, die besonders von einer Therapie profitieren.

„Dieses Wissen ist auch deshalb so wichtig, da die neuen Medikamente einen relativ hohen Preis haben“, ergänzt Dr. med. Charly Gaul, Pressesprecher der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) e.V. und Ärztlicher Direktor an der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. Für die monoklonalen Antikörper sprächen die gute Verträglichkeit und die einfache Anwendung mit einer einmal im Monat (oder sogar einmal im Quartal) erfolgenden Injektion.

„Trotz der neuen Option der CGRP-(Rezeptor-)Antikörper behält die herkömmliche Migränevorbeugung mit Tabletten oder durch die Behandlung mit Botulinumtoxin ihre Bedeutung. Die Wirksamkeit ist fast so gut wie bei den monoklonalen Antikörpern, allerdings bei etwas schlechterer Verträglichkeit“, so Gaul. Diese etablierten Substanzen haben den Vorteil, dass sie in Bezug auf die Langzeitverträglichkeit gut erforscht sind.

Im klinischen Alltag stehen nun für die Migräneprophylaxe neben den herkömmlichen Medikamenten mit den monoklonalen Antikörpern neue und wirksame Substanzen zur Verfügung. Weitere Studien müssten nun zum einen die Verträglichkeit über längere Zeiträume prüfen und zum anderen Hinweise liefern, welche Patientengruppen von den CGRP-(Rezeptor-)Antikörpern am meisten profitieren.

Deutscher Schmerzkongress 2019
Jahrestagung der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) e. V. vom 9. bis 12. Oktober 2019 in Mannheim

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