Zahnarztpraxis 4.0 Big Data, Big Science – und noch immer Big Skepsis?

von Dr. Stefan Helka, Fachzahnarzt für Oralchirurgie, Leiter des Implantatzentrums Herne

Kaum ein Gebiet entwickelt sich heutzutage schneller weiter als die Medizin im Allgemeinen und die Zahnmedizin im Besonderen. Was vor kurzer Zeit noch unmöglich schien, gilt mittlerweile quer durch die Fachdisziplinen als selbstverständlich. Künftig werden Automatisierung und Algorithmisierung noch mehr Tätigkeiten betreffen als heute vielfach angenommen.

Seitdem die Digitalisierung in der Dentalbranche angekommen ist, wird das Integrieren, Erlernen und Bewerten moderner Technologien in der Praxis immer wichtiger. Denn sie beeinflussen mehr als nur die schnell anwachsende Menge an gesundheitsrelevanten Daten, die direkt im Computer verarbeitet werden. Digitale Entwicklungen verändern beispielsweise auch die Kommunikationswege zwischen Arzt und Patient sowie zahlreiche Diagnose- und Therapieverfahren. Dennoch verharren viele Ärzte in Warteposition – und das selbst in der sonst so technikaffinen Zahnmedizin.


Nach wie vor herrscht große Unsicherheit angesichts zunehmender Robotisierung, enormer Einstiegs- und Aktualisierungskosten und der Geschwindigkeit der digitalen Transformation. Einige Praktiker fühlen sich schon heute von den technischen Möglichkeiten und der wachsenden Komplexität der dentalen Welt abgehängt. Andere sehen neue computergestützte Methoden als Chance in Diagnostik, Qualitätssicherung und Patientenkommunikation.


Doch wie funktioniert die digitale Praxis? Welche Möglichkeiten gibt es? Und wie sieht die Praxis von morgen aus?

Bessere Diagnose und Therapie

Besonders in Diagnose und Behandlungsplanung kommen vermehrt digitale Techniken zum Einsatz und lösen eine Vielzahl von herkömmlichen zahnmedizinischen Maßnahmen ab. So erfolgen bereits jetzt die Implantatplanung, die Entfernung von Weisheitszähnen oder die Kieferhöhlendiagnostik großteils computerunterstützt. Ein an Bedeutung gewinnender Therapieschritt ist die Bilddiagnostik durch die sogenannte digitale Volumentomografie (DVT). Sie bietet dem behandelnden Arzt deutlich detailliertere Informationen über Ausdehnung und Beschaffenheit von Zähnen und Kieferknochen als konventionelle Röntgengeräte.
So kann beispielsweise die Lage von Weisheitszähnen in Relation zum Unterkiefernerv oder die vorhandene Knochenmasse bei der Implantatplanung genau beurteilt und das operative Vorgehen entsprechend exakt realisiert werden.

Bessere Kommunikation

Ein solcher Scan bietet des Weiteren nicht nur hohe Präzision und ermöglicht effiziente Abläufe für den Arzt, sondern erlaubt auch zusätzlichen Komfort für den Patienten. Der bekommt via Computerbildschirm oder Tablet direkt Einblicke in die digitalen Befunde und kann besser nachvollziehen, wie die Behandlung im Einzelnen ablaufen wird.

Überhaupt verändern die neuen technologischen Möglichkeiten die Arzt-Patienten-Kommunikation grundlegend. Und das von der anfänglichen Informationssuche im Internet über eine unproblematische Terminvereinbarung via SMS oder E-Mail bis hin zur gezielten Behandlungsvorbereitung.


Bessere Vernetzung

Neben dem offiziellen Internetauftritt gewinnen vor allem Social-Media-Kanäle an Bedeutung. Patienten können sich von der Praxis ein Bild machen oder besondere Aufklärung zu Behandlungsmöglichkeiten, beispielsweise in der Implantologie, sowie zu Alltagsproblemen einholen. Die relativ geringen Eintrittsbarrieren in den sozialen Netzwerken ermöglichen sogar Angstpatienten eine erste Kontaktaufnahme mit dem Arzt, was die Hemmschwelle für einen Praxisbesuch senken kann. So werden teilweise Patienten in das System „Zahnmedizin“ zurückgeholt, die sonst nur im äußersten Notfall zum Arzt gehen.

#DigitalDentistry

Diese Art der Kommunikation im virtuellen Raum wird in Zukunft eine große Rolle einnehmen, sodass Praxen ihre Patienten vermehrt auch auf digitaler Ebene betreuen. Nach Social-Media-Kanälen – allem voran aufklärende YouTube-Videos über das Erreichen und Erhalten gesunder Zähne – könnte bald auch die virtuelle Sprechstunde, beispielsweise für die Nachsorge von Patienten, in der Zahnmedizin Realität werden.
Natürlich schließt das den Praxisbesuch für eine genaue Befundung und anschließende individuell angepasste Therapie nicht aus. Doch vor allem neue Methoden, Materialien und Geräte sowie eine smarte Vernetzung machen eine kontinuierliche persönliche Weiterentwicklung und die Fähigkeit, sich an neue Anforderungen anzupassen, notwendig.

Die Grenzen verschieben sich

Und dabei geht es nicht nur um die Nutzung moderner Technologien. Die Digitalisierung und ihre weitreichenden technischen, ethischen sowie regulatorischen Fragestellungen müssen selbst zu einem Thema werden. Denn die Grenzen der digitalen Zahnheilkunde verschieben sich mit dem jeweiligen Stand der Technik unaufhörlich.

Kaum ein Gebiet entwickelt sich heutzutage schneller weiter als die Medizin im Allgemeinen und die Zahnmedizin im Besonderen. Was vor kurzer Zeit noch unmöglich schien, gilt mittlerweile quer durch die Fachdisziplinen als selbstverständlich. Künftig werden Automatisierung und Algorithmisierung noch mehr Tätigkeiten betreffen als heute vielfach angenommen.

Bereits jetzt befinden sich zahlreiche neue Ansätze zur Diagnoseerstellung durch künstliche Intelligenz in der Erprobung. Im Idealfall entlasten diese neuen digitalen Technologien den Arzt, um so mehr Zeit für das Wesentliche – etwa die Kommunikation mit dem Patienten – zu schaffen. Daher gewinnt auch die sprechende Medizin als zentrale Kompetenz zunehmend an Bedeutung. Der Patient mit seinen individuellen Bedürfnissen nimmt dabei eine aktive Rolle ein. Indem beispielsweise Apps zur Behandlungskontrolle genutzt werden, kann jeder Einzelne seinen persönlichen Gesundheitszustand überwachen und dokumentieren. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass technische Möglichkeiten auch sektorenübergreifend genutzt werden, um den Patienten mit dem behandelnden Arzt optimal zu vernetzen.

Fest steht: Die digitale Revolution in der Zahnheilkunde ist längst in vollem Gange. Aktuell kommen die neuen Möglichkeiten nur nicht ausreichend bei Patienten an. Zwar existieren in Deutschland bereits technische Insellösungen, diese werden jedoch vor allem im Hinblick auf rechtliche und ethische Aspekte kontrovers diskutiert.

Auf sozialen Plattformen möchten User – in diesem Fall Patienten – als Kunde verstanden werden. Sie wünschen sich Interaktionen in der virtuellen Welt, möchten beraten und wahrgenommen werden und haben einen gehobenen Anspruch, den es zufriedenzustellen gilt. Informationen rund um die Uhr Mittlerweile gilt Social Media als Teil der Lösung für Imagebildung, Bekanntheitssteigerung sowie Gewinnung und Bindung von Patienten. Dank relativ geringer Eintrittsbarrieren und der Möglichkeit, einfach und direkt Beiträge zu veröffentlichen, ist die Entscheidungsschwelle eher gering. So werden teilweise Menschen in das System „Zahnmedizin“ zurückgeholt, die ansonsten nur im äußersten Notfall zum Arzt gehen. Intelligent geplant und praktisch umgesetzt, können soziale Netzwerke nachhaltig Erfolge erzielen. Sie öffnen die Tür zur Praxis – die Patienten sind schon längst da, doch wo bleiben die Mediziner?

Der Autor:
Dr. Stefan Helka ist Facharzt für Oralchirurgie, Leiter des Implantatzentrums Herne und spezialisiert auf Implantologie, Oralchirurgie und Parodontologie sowie auf Angstpatienten. Den Weg von der analogen zur digitalen Praxis hat er bereits eingeschlagen und arbeitet im Alltag mit neuen computergestützten Technologien wie strahlungsarmem Röntgen mit DVT oder 3D-navigierter Implantologie. Daneben ist er auf verschiedenen Social-Media-Plattformen erfolgreich und bietet mit regelmäßigen „Implatalk“-Folgen einen eigenen YouTube-Kanal, der Deutschland fit für Implantologie macht.

Weitere Informationen auf dem ersten deutschsprachigen YouTube-Kanal exklusiv zum Thema Implantologie: https://www.youtube.com/c/ImplantatzentrumHerneDrStefanHelka